Es klickt, klickt, klickt, faucht, dann zischt es, und die Flamme macht sich an der Mokkakanne zu schaffen. Das Spiel wiederholt sich so oft, bis drei Kannen Kaffee auf den Gasherden des Hauses köcheln. Zwei davon dienen als Requisite, die letzte soll Hausbewohner:innen und dem Filmteam Kraft spenden. Das Sachsenhaus ist zum Set für einen Kurzfilm verwandelt worden.
Im September 2024 durften wir, das Filmkollektiv ELISE, hier unseren Kurzfilm „Die Wiener Comedia“ drehen. Im Zentrum des Films steht ein österreichischer Expat an einer deutschen Universität: Geisteswissenschaftsstudent, leidenschaftlicher Kaffeetrinker. Als ihm zur denkbar ungünstigsten Zeit das Kaffeepulver ausgeht, beginnt eine regelrechte Höllenfahrt durch seine Studi-Groß-WG – und durch ein unsichtbares Dickicht aus sozialen, kulturellen, gesellschaftlichen und psychologischen Zwängen, alles nur für den bitter notwendigen Koffeinschub.
Ein Schelm, wer denkt, dass irgendein Schalk hier schlichte Traumabewältigung betrieben hat. Aber tatsächlich gibt es manche Parallelen zwischen der fiktiven Figur Franz (Paul Heimel) und dem Drehbuchautor und Regisseur Felix Schalk. Dieser durfte nämlich einige Monate zuvor im Sachsenhaus leben. Damals studierte er noch Rhetorik an der Eberhard-Karls-Universität, inzwischen ist er an der Filmakademie in Wien – aber die Erfahrungen aus der Zeit in Tübingen haben tiefe, ganz wunderbare Spuren hinterlassen.
„Damals war es so, dass man außerhalb der ohnehin schon kurzen Öffnungszeiten der Kantine den Kaffeeautomaten im sogenannten Brechtbau nur mit der Studicard benutzen konnte.“ Diese habe man wiederum nur mit einer deutschen EC-Karte aufladen können. „Als Ausländer war man also aufgeschmissen, beziehungsweise sehr oft sehr müde“, erzählt Felix dem Sachsenspiegel. Auch die Gastwirtschaft „Unckel“ vis-a-vis war keine Abhilfe, zumal die nur Bargeld akzeptierten und die nächste Bank mehr als zehn Minuten zu Fuß entfernt war – in eine Richtung. „Wut, Müdigkeit und Suchtdruck“ – aus genau dieser Melange sei dieser Film entstanden, resümiert der Regisseur.
„Dass wir Die Wiener Comedia im Sachsenhaus drehen durften, war für uns ein riesiger Glücksfall. Die Hausgemeinschaft hat uns nicht nur ihre Räume überlassen, sondern uns mit einer Offenheit und Gastfreundschaft unterstützt, die alles andere als selbstverständlich ist. Einige Bewohner:innen haben sich sogar als Komparsen vor die Kamera gestellt. Dafür sind wir unglaublich dankbar. Wir hatten einen riesen Spaß und sind mit dem Ergebnis sehr glücklich.“
Doch die Zeit ist schnell vergangen und die Mühlen der Filmproduktion mahlen langsam. So ist der Kurzfilm schon jetzt in zweifacher Hinsicht historisch: Einerseits sind die geliebten Hühner des Sachsenhauses (Rambo, Martha, Chick-Pea, Knöllchen und Headbangerhuhn), die zentrale Rollen im Film gespielt haben, tragischerweise im Mai 2025 einem gefräßigen Dachs zum Opfer gefallen. Gewiss ist es nur ein schwacher Trost, dass sie in der Wiener Comedia noch verewigt wurden – trotzdem: Der Film ist ihnen und ihrem Andenken gewidmet. Andererseits gibt es inzwischen die neue luxuriöse Kaffeebar mit Profi-Siebträgermaschine im Erdgeschoss des Sachsenhauses, das elendige kochen von Kaffee für zu viele Leute in zu kleinen Mokkakannen gehört damit der Vergangenheit an. Und künftige Generationen an Hausbewohner:innen werden sich über das Gehampel im Film nur mehr wundern können. Wahrlich, so hat alles hat seine Zeit.
Inzwischen ist der Film fertig geschnitten und wird bei verschiedenen Festivals eingereicht. Zu sagen, wann er zu sehen sein wird, wäre jetzt noch Kaffeesudlesen. Wir sind gespannt, was kommt – und freuen uns sehr auf die Premiere.
Gastbeitrag von Paul Bono
